Zwei hohe Werte, zwei Ebenen Geschichte

Ein Ersttagsbrief und die 2- und 3-Franken-Marken der Wappenserie von 1939

Wappenserie 1939 Liechtenstein

Liechtenstein gab am 18. Dezember 1939 eine neue Freimarkenserie mit Wappenmotiven heraus. Vom selben Tag stammt ein in Vaduz aufgegebener Einschreibebrief nach Luzern, frankiert mit den beiden höchsten Werten dieser Serie, 2 Franken und 3 Franken. Der Brief ist postalisch echt, aber deutlich überfrankiert und damit klar sammlerisch geprägt. Gerade dadurch eignet er sich gut als Ausgangspunkt für eine inhaltliche Betrachtung: Nicht das Porto steht im Vordergrund, sondern die Aussage der verwendeten Marken. Denn: obwohl beide Marken zur gleichen Serie gehören, verfolgen sie zwei unterschiedliche heraldische Konzepte. Diese Trennung ist bewusst angelegt und lässt sich an diesem Ersttagsbrief besonders gut nachvollziehen.


Ersttagsbrief 1939 WappenDie 2-Franken-Marke: Vorgeschichte von Vaduz und Schellenberg

Die 2-Franken-Marke zeigt kein einzelnes Wappen, sondern eine Zusammenstellung mehrerer Wappen. Abgebildet sind die Wappen der Herrschaften Werdenberg-Sargans, Brandis, Sulz und Hohenems. Diese Darstellung bildet kein neues Gesamtwappen, sondern verweist auf eine historische Abfolge.

Gemeint ist die Reihenfolge der Landesherren über die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg, aus denen später das Fürstentum Liechtenstein hervorging. Den Anfang machten im Hochmittelalter die Grafen von Werdenberg-Sargans, die erstmals eine zusammenhängende Herrschaft im Alpenrheintal ausübten (Fahne). Ihnen folgten die Freiherren von Brandis (brennender Ast), die Vaduz und Schellenberg tatsächlich vor Ort verwalteten. Im 16. Jahrhundert gingen die Rechte durch Erbschaft und vertragliche Regelungen an die Grafen von Sulz (drei Zacken) über. Deren wirtschaftliche Schwierigkeiten führten schließlich dazu, dass Vaduz und Schellenberg an die Grafen von Hohenems (Steinbock) gelangten, die als letzte weltliche Landesherren über beide Gebiete verfügten. Alle vier Wappen dieser Herrschaftshäuser finden sich auch in der Wappenserie von 1964 wieder. Von den Grafen von Hohenems erwarb das Haus Liechtenstein – nachdem diese praktisch zahlungsunfähig und in viele Skandale verwickelt waren – 1699 Schellenberg und 1712 Vaduz; 1719 wurden diese beiden Herrschaften zum Reichsfürstentum Liechtenstein erhoben, ein Ziel, das die Fürsten schon seit fast 70 Jahren verfolgten.

Wappen Werdenberg-VaduzWappen BrandisWappen SulzWappen Hohenems

Die 2-Franken-Marke verweist damit nicht auf den Staat Liechtenstein selbst, sondern auf die rechtliche Vorgeschichte seiner Entstehung. Die dargestellten Wappen stehen für einzelne Stationen einer Besitz- und Rechtskette. Sie erklären, woher die Herrschaftsrechte stammen, nicht wer sie heute ausübt. Die Marke arbeitet damit bewusst historisch und argumentativ, nicht repräsentativ.


Großes Staatswappen LiechtensteinDie 3-Franken-Marke: Das fürstliche Gesamtwappen

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt die 3-Franken-Marke. Sie zeigt das fürstliche Gesamtwappen des Hauses Liechtenstein. Dieses Wappen ist ein geschlossenes heraldisches Gebilde und stellt die Dynastie dar, nicht die Entstehung des Staates.

Das Gesamtwappen setzt sich aus mehreren Feldern (Wappen) zusammen, die auf frühere Besitzungen und Titel des Fürstenhauses verweisen, vor allem in Mähren, Schlesien und Böhmen, etwa Troppau, Jägerndorf oder Rietberg. Diese Gebiete liegen außerhalb des heutigen Fürstentums und gehören zur europäischen Adelsgeschichte des Hauses Liechtenstein. Sie haben mit der territorialen Entstehung des Staates unmittelbar nichts zu tun.

Staatswappen 2006 farbigIm Zentrum des Wappens befindet sich ein kleiner Schild, der heraldisch als „Herzschild (Stammwappen des Hauses Liechtenstein)“ bezeichnet wird. Dieser Herzschild ist normalerweise in Gold und Rot quergeteilt, oben Gold, unten Rot (dargestellt auf der mehrfarbigen Briefmarke aus dem Jahr 2006). Er ist das eigentliche Wappen der liechtensteinischen Fürstenfamilie. Er enthält keine Figuren und keine weiteren Symbole. Seine Aufgabe besteht darin, innerhalb des komplexen Gesamtwappens eindeutig zu kennzeichnen, welches Haus Träger der dargestellten Titel und Besitzungen ist.


Fürst Anton Florian 1942Zwei Marken – eine bewusste Trennung

Die beiden hohen Werte der Wappenserie unterscheiden sich damit klar in ihrer Aussage. Die 2-Franken-Marke arbeitet mit mehreren fremden Wappen und macht die historische Abfolge der Herrschaften über Vaduz und Schellenberg sichtbar, bis hin zur „Einsetzung“ / Huldigung (siehe auch hier) des Fürsten Anton Florian durch den Kaiser bzw. das Volk Liechtensteins. Die 3-Franken-Marke hingegen zeigt ein dynastisches Gesamtwappen mit Herzschild und stellt das Fürstenhaus als heutigen Träger der Herrschaft dar.

Huldigung Franz Josef II. 1939

Die beiden Wappenmarken zur Huldigung von Franz Josef dem II. erschienen am 18.12.1939, die Marke mit seinem Porträt (hier als Kleinbogen mit seiner Unterschrift) am Tag seiner Huldigung am 29. Mai 1939

Auf dem Ersttags-Einschreibebrief stehen diese beiden Ebenen nebeneinander. Auch wenn die Frankatur postalisch nicht portorichtig ist, verdeutlicht sie den gedanklichen Aufbau der Serie besonders anschaulich: Auf der einen Seite die Herkunft der Herrschaftsrechte, auf der anderen das Haus, das diese Rechte bis heute innehat.

Gerade diese sachliche Trennung verleiht den hohen Werten der Wappenserie von 1939 ihren besonderen Reiz. Die Marken verzichten auf vereinfachende Symbolik und nutzen Heraldik differenziert. Sie machen sichtbar, dass Staat und Dynastie in Liechtenstein zwar miteinander verbunden sind, historisch aber auf unterschiedlichen Ebenen stehen.


Details zu den beiden Marken:

  • Ausgabedatum:1939-12-18
  • Gültig bis:1943-11-30
  • Designer:Ferdinand Lorber (E) | Johannes Troyer
  • Format:Sondermarke
  • Zähnung:12
  • Druck:Stichtiefdruck
  • Postwert: 2 Fr. – Schweizer Franken
  • Auflage: 56.993