
Wenn der arktische Winter Grönland in Stille hüllt und das letzte Licht des Tages über Schnee und Himmel gleitet, entfalten Bilder eine besondere Kraft. Die neuen Weihnachtsbriefmarken von Tussass Greenland, die am 20. November 2025 erscheinen, nutzen genau diesen Moment. Entworfen wurden sie von Nikolaj Andersen Olsvig, der mit diesen Motiven seine zweite und dritte Briefmarke seit seinem Debüt im Jahr 2013 vorlegt. Olsvig ist bekannt für seine atmosphärischen, lichtbetonten Darstellungen des grönländischen Alltags. Sein beinahe impressionistischer Stil verzichtet auf harte Konturen und setzt stattdessen auf Stimmung, Bewegung und emotionale Offenheit – Eigenschaften, die auch diese beiden Marken prägen und sie weit über ihren funktionalen Zweck hinausheben.
Zwischen Kirchenweg und Hirtenpfad

Erste Briefmarke Dänemarks (1851)
Das erste Motiv zeigt eine kleine Gruppe von Kirchgängern auf dem Weg zum Weihnachtsgottesdienst. In traditionellen Trachten bewegen sie sich durch die verschneite Landschaft auf eine rot gestrichene Holzkirche zu. Die Dämmerung taucht alles in ein sanftes Licht, während ein heller Stern exakt über der Kirche leuchtet. Beim Betrachten kam mir – ganz subjektiv – unweigerlich der biblische Gang der Hirten zum Stall von Bethlehem in den Sinn. Der Weg durch die Dunkelheit, das Licht als Orientierung und das Ziel als Ort der Hoffnung lassen sich hier mühelos mitlesen. Diese Assoziation ist ausdrücklich meine eigene, doch sie passt zur Offenheit, die Olsvigs Bildsprache bewusst zulässt.Grönland ist ein politisch selbstverwalteter Bestandteil des Königreichs Dänemark, und doch bleibt diese Verbindung im Hintergrund stets präsent.
Vielleicht schwingt genau deshalb in dieser Szene ein leiser, nachdenklicher Ton mit. Angesichts der angekündigten Einstellung der klassischen Briefzustellung in Dänemark zum Ende des Jahres 2025 steht erstmals real im Raum, dass das nun bald 175 Jahre alte dänische Briefmarkenprogramm seinem Ende entgegengehen könnte. Umso stärker wächst die Hoffnung, dass diese grönländischen Weihnachtsmarken nicht zu den letzten ihrer Art zählen, sondern dass solche kulturell tief verwurzelten Ausgaben auch künftig Bestand haben.
Unterwegs durch Schnee und Zeit
Die zweite Briefmarke zeigt eine Familie auf einem Hundeschlitten: Vater, Mutter und Kind unterwegs durch die verschneite Landschaft, gezogen von sieben kräftigen Hunden. Die dynamische Szene wirkt zugleich intim. Beim Betrachten erinnerte sie mich an Darstellungen der Flucht nach Ägypten – eine Familie auf dem Weg ins Ungewisse. Rein assoziativ lässt sich das Motiv auch in die Gegenwart einordnen.Vor dem Hintergrund geopolitischer Diskussionen um Grönland, etwa durch Aussagen von Donald Trump, kann es gedanklich mit Situationen verknüpft werden, in denen über die Zukunft von Menschen entschieden wird, ohne dass sie selbst Einfluss darauf haben.
Diese Überlegung liegt nicht im Bild selbst, sondern entsteht aus dem heutigen Blick darauf und bleibt bewusst offen – verbunden mit der meiner Hoffnung, dass daraus niemals eine Realität werden darf, in der Grönländer gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen.
Kleine Formate, große Offenheit
So erzählen diese Briefmarken keine festgelegten Geschichten, sondern lassen bewusst Raum für eigene Wahrnehmungen und Gedanken. Sie funktionieren als winterliche Stimmungsbilder und als Sammlerstücke – aber auch als kleine Kunstwerke, die persönliche Assoziationen ebenso zulassen wie kulturelle und zeitgeschichtliche Bezüge. In diesem offenen Spannungsfeld entfalten auch diese beiden Weihnachtsmarken ihre Wirkung: nicht als eindeutige Aussagen, sondern als Bilder, die zum Innehalten einladen und zeigen, welches erzählerische Potenzial selbst im kleinsten Format liegen kann.
Daten zu den Marken: 
- Ausgabedatum: 20.11.2025
- Größe: 30 × 40 mm
- Farben: Mehrfarbig
- Entwurf: Nikolai Andersen Olsvig
- Druck: Gutenberg AG
- Format: Sondermarke
- Druckverfahren: Offsetlithografie
- Nennwert: 25 bzw. 28 DKR – Dänische Krone
