Die Briefmarke des Monats August führte mich auf eine Reise in die Vergangenheit – zu einem Mann, dessen Name heute kaum noch bekannt ist, dessen Erfindung jedoch unser tägliches Leben prägt: Nicolas-Jacques Conté (1755–1805). Ein Künstler und Techniker, ein Visionär und Praktiker zugleich, dem wir den Bleistift in seiner heutigen Form verdanken.
Ein Alltagsgegenstand mit erstaunlicher Geschichte
Wenn wir einen Bleistift in die Hand nehmen, wirkt er unspektakulär: ein kleines Stück Holz, innen eine graue Mine, fertig. Doch die Geschichte dieses Werkzeugs ist überraschend komplex. Sie führt uns nach England, nach Frankreich und schließlich in die Werkstätten und Laboratorien von Nicolas-Jacques Conté. Schon im 16. Jahrhundert wurde im englischen Borrowdale (in der Grafschaft Cumberland – nahe Keswick) ein schwarzes Mineral entdeckt, das sich hervorragend zum Schreiben eignete. Man hielt es zunächst für Blei und nannte es „Plumbago“. Erst viel später erkannte man, dass es sich um reinen Kohlenstoff handelte: Graphit. Dieses Graphit war von außergewöhnlicher Reinheit und machte England zu einem der wichtigsten Lieferanten Europas. Es wurde streng bewacht, geschmuggelt und gehandelt – ein Rohstoff von strategischer Bedeutung.
Frankreichs Notlage
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts spitzte sich die Lage für Frankreich dramatisch zu. Im Zuge der Napoleonischen Kriege blockierte die britische Flotte die französischen Häfen. Die berühmte Seeschlacht von Trafalgar, in der Admiral Nelson die vereinten französisch-spanischen Streitkräfte schlug, verschärfte die Situation zusätzlich. Damit versiegte auch der Nachschub an hochwertigem englischem Graphit. Was zunächst wie ein banaler Mangel erschien, entpuppte sich als ernstes Problem: Ohne Graphit ließen sich keine brauchbaren Bleistifte herstellen – und ohne Bleistifte fehlten verlässliche Karten, technische Skizzen sowie präzise Berechnungen für Artillerie und Ingenieure. Eine Notlage, die nach einer Lösung verlangte. In diesem Moment trat Nicolas-Jacques Conté auf den Plan.
Conté – ein Mann vieler Talente
Conté war eine außergewöhnliche Persönlichkeit: Maler, Physiker, Chemiker, Ingenieur und zugleich Pionier der Heißluftballonfahrt. 1798 begleitete er Napoleon auf dessen Ägypten-Expedition und gehörte in Kairo zu den Gründungsmitgliedern des Institut d’Égypte. Auf einer französischen Briefmarke von 1972 wird diese Episode sinnbildlich dargestellt – ein Gelehrter und ein Offizier diskutieren über eine Ausgrabung – und erinnert damit an die enge Zusammenarbeit von Armee und Wissenschaft, zu der auch Conté zählte. Sein Name findet sich in der Kunstgeschichte ebenso wie in den Naturwissenschaften und in der Technik. Napoleon selbst bezeichnete ihn als „universellen Menschen mit Geschmack, Verstand und Genie, fähig, mitten in der arabischen Wüste die Künste Frankreichs neu erstehen zu lassen.“
Die Geburt des modernen Bleistifts
1795, im Auftrag der französischen Regierung, entwickelte Conté das Verfahren, das bis heute Grundlage der Bleistiftherstellung ist. Er mahlte minderwertigen, in Frankreich verfügbaren Graphit zu feinem Pulver, mischte ihn mit Ton und brannte die Masse im Ofen. Durch das Mischungsverhältnis ließ sich die Härte der Mine steuern: mehr Ton bedeutete härter und heller, mehr Graphit weicher und dunkler. Die so entstandenen Minen wurden in Holz gefasst – und damit war der moderne Bleistift geboren. Diese Technik war genial, weil sie nicht nur das akute Rohstoffproblem löste, sondern auch die Qualität entscheidend verbesserte. Die bis dahin gebräuchlichen reinen Graphitstifte – wie sie bereits von der Familie Faber hergestellt wurden, die später rasch auf die neue Technik umstellte und mit Faber-Castell heute als größter Bleistifthersteller der Welt gilt – waren bruchempfindlich und schmierten stark.
Zum ersten Mal konnten so auch verschiedene Härtegrade zuverlässig hergestellt werden – eine Neuerung, die Künstler ebenso wie Ingenieure begeisterte. Conté´s Name lebt bis heute in den Conté-Bleistiften und den Conté-Kreiden fort, die Künstlerinnen und Künstler weltweit schätzen. Der Bleistift hatte die Welt erobert, und wurde zum Symbol des „Schreibens“.
Fast zeitgleich experimentierte auch Joseph Hardtmuth
(1758–1816) in Wien mit ähnlichen Verfahren. Er mischte Graphitstaub ebenfalls mit Ton und weiteren Substanzen und brannte daraus Minen, die er bald in seiner 1790 gegründeten Firma Koh-i-Noor Hardtmuth erfolgreich vermarktete. Die Firma existiert ebenfalls bis heute. Ob Hardtmuth oder Conté die Idee zuerst hatte, lässt sich heute nicht eindeutig klären – sicher ist aber: Beide trugen entscheidend dazu bei, dass sich die keramische Graphitmine durchsetzte und der Bleistift zu einem weltweit verfügbaren, standardisierten Werkzeug wurde.
Ruhm und Tragik
Conté erlangte mit seiner Erfindung großen Ruhm. 1804, auf dem Höhepunkt seiner Anerkennung, starb jedoch seine Frau. Der Verlust traf ihn tief, denn mit diesem Verlust erlosch sein schöpferischer Antrieb. Überliefert ist sein bewegender Satz: „Nun bin nicht mehr vom Wunsch erfüllt, ihr zu gefallen.“ Nur ein Jahr später, 1805, starb Nicolas-Jacques Conté selbst. Zurück bleibt sein Vermächtnis: ein Werkzeug, das das Schreiben und Denken verändert hat – und bis heute alltäglich, praktisch und unverzichtbar ist, sowie auch die Erfindung des Bleistiftspitzers nach sich zog.
Würdigung auf Briefmarken
Der Bleistift ist bis heute unser treuer Begleiter – schlicht, preiswert, robust und immer bereit, Fehler zu verzeihen. Ob Kinder ihre ersten Buchstaben kritzeln, Ingenieure Pläne entwerfen oder Künstler Ideen skizzieren: Ein Strich lässt sich wegradieren, ein neuer beginnen – und genau das macht ihn so besonders. Kein Wunder, dass es daher weltweit rund 30 bis 40 Briefmarken gibt, die ihn feiern. Denn dieses kleine Stück Holz mit einer Graphitmine hat etwas geschafft, was nur wenige Alltagsdinge können: Es hat Geschichte geschrieben.

Die Briefmarke des Monats August würdigt aber nicht nur den Bleistift, sondern vor allem das Leben von Nicolas-Jacques Conté. Sie zeigt ihn mit seiner markanten Augenklappe, die er nach einem Laborunfall tragen musste, und vereint Symbole seiner vielfältigen Laufbahn: das Udjat-Auge als Hinweis auf die Ägypten-Expedition, einen Beobachtungsballon für seine Rolle als Pionier der Aeronautik, ein Zahnrad für seinen Ingenieurgeist – und natürlich den Bleistift selbst. Entworfen wurde das Ganze – treffend – in Bleistifttechnik von Clovis Rétif, der Contés Vielseitigkeit und sein Vermächtnis auf besondere Weise künstlerisch sowohl auf der Marke als auch auf dem Souvenirsheet verdichtet.
Details zur Briefmarke des Monats August 2025: 
- Land: Frankreich
- Ausgabedatum: 28.07.2025
- Größe: 30 × 41 mm
- Farben: Mehrfarbig
- Designer: Clovis Rétif | Louis Genty
- Druckerei: Philaposte (Phil@poste)
- Ausgabeart: Sondermarke

- Zähnung: 13 × 13¾
- Druckverfahren: Stichtiefdruck
- Gummierung: Normal
- Nennwert: 2,10 € (Euro)
- Auflage: 594.000
